News zum Thema Berufsorientierung

„Wir fungieren als Augenöffner“: StuBo Dunja Vorberg zu Herausforderungen und Chancen der Berufsorientierung am Gymnasium

 

20.11.2023, Autor: Sonja Mankowsky

 Schiller Gymnasium Bochum

Schiller Schule in Bochum
Wikipedia, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/

 

Welchen Herausforderungen begegnen Studien- und Berufsorientierungskoordinator:innen, den sogenannten StuBos, im Schulalltag? Und wie haben sie die Berufsorientierung in ihr Schulkonzept integriert? Wir haben nachgefragt bei Dunja Vorberg, StuBo und Lehrerin für Englisch und Philosophie an der Schiller-Schule in Bochum. Das Gymnasium mit knapp 1.000 Schülern und Schülerinnen ist Träger des Deutschen Schulpreises und gehört zu den Schulen, die die FUJOUR App in der Entwicklungsphase getestet haben.

 

FUJOUR: Was machen Ihre Schüler, wenn sie einen Abschluss geschafft haben?

Dunja Vorberg: Die allermeisten machen Abitur, einige gehen mit der Fachhochschulreife, und studieren dann. Vereinzelt geht auch mal jemand nach der 10. Klasse. Die wenigsten machen eine Ausbildung. Was mehr im Trend liegt, ist das Duale Studium.

FUJOUR: Ist denn ein Studium immer die richtige Wahl? 

Dunja Vorberg: Unser Anliegen ist tatsächlich, die Perspektive von Ausbildung und anderen Möglichkeiten aufzuwerfen. Das ist mitunter nicht immer ganz einfach. Aber das ändert sich gerade ein bisschen. Inzwischen gibt es mehr Bereitschaft, sich Alternativen überhaupt erst einmal anzugucken. Wir finden das wichtig, denn viele Schüler sehen gar nicht, welche Möglichkeiten ihnen offenstehen. Wie auch. Wenn die Eltern schon studiert haben und alle Freunde auch studieren wollen, dann ist ja klar: Nach dem Abitur gehe ich an eine Uni und schreibe mich da ein und damit ist der Drops gelutscht. Dass es aber vielleicht Möglichkeiten gibt, auch im Sinne der individuellen Förderung, die vielleicht auch und genauso gut passen würden zu einem bestimmten Menschen, das müssen die Schülerinnen und Schüler überhaupt erst einmal für sich verstanden haben.

Wir fungieren also ein wenig als Augenöffner. Wir möchten ihnen vermitteln: Es geht nicht nur ums Studium, sondern mit dem Studium möchtest du ja hinterher etwas tun. Stell dir die Frage: Was will ich eigentlich tun und schau dann, wie du dorthin kommen kannst. Wie möchtest du dein Leben eigentlich gestalten? Was ist dir wichtig im Leben? Um diese Fragen geht es uns.

FUJOUR: Ihre Schule hat 2019 den Deutschen Schulpreis gewonnen. In der Laudatio wird hervorgehoben, dass die Schiller Schule den Fokus auf individuelle Unterstützung und Förderung von Begabungen setzt. Spielt das auch mit in Ihre Rolle als StuBo?

Dunja Vorberg: Ja definitiv. Wir haben unsere Berufsorientierung sogar thematisch diesem Bereich untergeordnet. Konzeptuell ist es so, dass wir die Studien- und Berufsorientierung als Teil der individuellen Förderung verstehen. Wir setzen darauf, dass wir die Vorgaben, die das Ministerium (für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen) durch KAoA (das nordrhein-westfälische Übergangssystem „Kein Abschluss ohne Anschluss“) macht, so gestalten und ergänzen durch unsere weiteren Angebote, dass die Schüler möglichst individuell abgeholt werden in ihren Kompetenzen und Interessen.

Dabei ist uns sehr wichtig, dass wir neben den verpflichtenden KAoa-Maßnahmen wie den Berufserkundungstag oder das Praktikum auf Freiwilligkeit setzen. Unsere zusätzlichen Angebote werden auch deshalb von den Schülern deutlich angenommen.

FUJOUR: Welche Angebote sind das konkret?

Dunja Vorberg: Wir haben zum einen das verpflichtende, zweiwöchige Praktikum in der Mittelstufe, das läuft jetzt in der 10. Klasse, in der Vergangenheit unter G8 in der 9. Das hat bei uns einen sozialen Schwerpunkt. Dann gibt es ein weiteres Pflicht-Praktikum in der Einführungsphase von zwei Wochen.

Freiwillige Angebote finden bei uns vor allem in der Oberstufe statt. Da haben wir beispielsweise studienfeldbezogene Beratungstests von der Agentur für Arbeit. Wir hatten wir beispielsweise gemeinsam mit einer Krankenkasse ein Assessment Center. Wir organisieren außerdem Expertenrunden, zu denen wir Eltern einladen, die etwas zu ihrem Beruf erzählen. Wir haben dazu ein digitales Branchenbuch erstellt, in das die Eltern sich eintragen können.

Dann gibt es unter anderem Veranstaltungen der Agentur zu Ausbildung und dualem Studium sowie eine Veranstaltung in Kooperation mit anderen Gymnasien und den Berufskollegs. Und wir haben viele Möglichkeiten für die Schüler, sich selbst Veranstaltungen auszusuchen über unsere digitalen Pinnwände. Wir haben eine Pinnwand für Uni-Tage, Info-Veranstaltungen der Fachbereiche und so weiter und eine für den Bereich Ausbildung und duales Studium. Wir veröffentlichen dort unter anderem auch ausgeschriebene Ausbildungsstellen. Das digitale Format kommt bei den Schülern gut an. Sie schauen dort eher mal rein als auf die analoge Pinnwand. Auch die Eltern können und sollen dieses Info-Angebot nutzen.  

FUJOUR: Was genau hat es mit dem digitalen Branchenbuch auf sich?

Dunja Vorberg: Die Eltern bekommen einen QR-Code und können sich, wenn sie mögen, eintragen mit ihrem Beruf und den Berufsfeldern in ihren Betrieben. Wir haben eine sehr akademische Klientel und viele Geschäftsleute – von der Bäckerei bis zur Anwaltskanzlei. Die Eltern können dann anklicken, ob sie zum Beispiel ihren Beruf bei einem Infoabend vorstellen möchten oder bei der Praktikumssuche helfen können. Wir haben damit quasi ein Backup aus den eigenen Reihen. Denn oft kommt es vor, dass ein Praktikum nicht zustande kommt oder kurzfristig doch abgesagt wird. Wir können so nach den Interessen der Schüler schauen und die entsprechenden Eltern ansprechen, ob sie in diesem Fall aushelfen können und ihnen in ihrem Betrieb doch noch ein Praktikum ermöglichen, das für den Schüler Sinn macht und nicht einfach eine Notlösung ist.

Das Branchenbuch wollen wir jetzt auch auf die Alumni ausweiten, so dass auch Abgänger an ihre alte Schule zurückkommen und über ihren Ausbildungsweg berichten können.

Wir wollen auch wieder ein Projekt aufleben lassen, dass vor der Pandemie sehr erfolgreich war. Damals sind Studenten der Ruhr-Uni Bochum in die Schule kommen und haben ihr Studienfach vorgestellt und Fragen beantwortet.

FUJOUR: Sie sagten vorhin Berufsorientierung und individuelle Förderung sind an der Schiller Schule eng verzahnt. Wie kann man sich das vorstellen?

Dunja Vorberg: Die individuelle Förderung findet bei uns sehr stark im Unterricht statt und ist als Berufsorientierung nicht immer sofort erkennbar. Gerade im naturwissenschaftlichen Bereich geht das aber fließend ineinander über. Wir haben zum Beispiel Kooperationen mit dem zdi (Zukunft durch Innovation Zentrum) und dem Planetarium in Bochum, die hier mit unseren Schülern Projekte durchführen. Einer unserer Lehrer organisiert zum Beispiel das sogenannte Schiller-Mobil und führt mit den Schülern Experimente durch, die über den Unterrichtsstoff hinausgehen. Die Kinder und Jugendlichen beschäftigen sich dabei mit Fragen wie: Wie arbeitet ein Naturwissenschaftler? Wie muss ich vorgehen, wenn ich eine Maschine entwickeln will? Wie plane ich so ein Projekt? Das sind Kompetenzen, die dann auch im Studium und Beruf benötigt werden.

FUJOUR: Sie sind jetzt schon seit etwa 13 Jahren StuBo. Heißt das, es macht Ihnen Spaß?

Dunja Vorberg (lacht): Ja, das macht schon Spaß, auf jeden Fall. Obwohl es auch Herausforderungen gibt. Wir haben damals mit den Kolleginnen die ersten KAoA-Maßnahmen sukzessive aufgebaut und implementiert. Wir sind also als Schule schon seit 2013 dabei, haben die ersten Potenzialanalysen mitgemacht, ich war in Arbeitsrunden mit der kommunalen Koordinierung dabei, als es ganz am Anfang um Fragen ging wie „Wie machen wir das eigentlich mit den Berufsfelderkundungstagen?“, um auch die Schulperspektive mit einzubringen.

Wir haben also von Anfang an versucht mitzugestalten, soweit das denn möglich war. Grundsätzlich finde ich, ist KAoA eine gute Sache. Denn es hat den Bereich aufgewertet und ins Bewusstsein aller Kollegen gebracht. Ich finde das gut, dass auch Gymnasien diese Standards einhalten müssen. An unserer Schulform hieß es früher schon mal „Die wollen ja eh alle studieren bei uns, wozu also das ganze?“. Da müssen wir StuBos uns jetzt nicht mehr rechtfertigen. An der Schiller Schule waren wir zum Glück auch vor KAoA schon sehr aktiv, so dass die Berufsorientierung inzwischen so institutionalisiert ist wie eine Klausur.  

FUJOUR: Welche Herausforderungen sind denn geblieben?

Dunja Vorberg: Organisatorisch ist der StuBo-Job schon eine Hausnummer. Aber dafür gibt es ja auch die Entlastungsstunden, die wir uns im Team zu dritt teilen. Auch wenn die Stunden schnell ausgefüllt sind und oft nicht reichen, ist das eine gute Sache. Das muss man wirklich mal so sagen. Die Herausforderung ist, dass die Maßnahmen mitunter schon ein wenig nach dem Gießkannenprinzip verordnet wurden und mitunter dem eigenen schulischen Konzept etwas zuwiderlaufen. Wir hatten zum Beispiel unter anderem früher schon eigene Potenzialanalysen mit Materialien des Projekts Uni-Trainees, damals noch in Jahrgangsstufe 11. Wir hatten uns dazu alle fortbilden lassen. Dann kam die Potenzialanalyse im Rahmen von KAoA in der 8. Klasse. Das hat natürlich erst einmal dort Energien gebunden zusammen mit der Umsetzung und Etablierung der ganzen anderen Maßnahmen.

Es ist außerdem auch nicht ganz so einfach die Schüler in Klasse 8 am Gymnasium zu dieser Potenzialanalyse zu motivieren oder die obligatorischen halbjährlichen Beratungsgespräche durchzuführen. Gerade jetzt mit dem Wechsel zurück zu G9 hat das Thema für Achtklässler wirklich noch nicht so eine hohe Relevanz. Die Schüler an einer Realschule stehen in dem Alter sicher schon an einem anderen Punkt, denn mit ihnen wurde ja auch darauf hingearbeitet, dass sie in der 9. Klasse ihre Bewerbungen schreiben müssen. Das ist bei uns anders.

Für die Kollegen, die weniger mit dem Thema in dieser konkreten Form zu tun haben, ist es dann auch schwierig, so ein Gespräch zur Berufsorientierung zu gestalten. Denn Berufsberatung können und sollen wir ja auch gar nicht machen. Deshalb vorentlasten wir das für alle Beteiligten so, dass es nicht einfach eine Abhakmaßnahme wird, zum Beispiel indem wir den Lehrkräften Reflexionsbögen mit an die Hand geben.

Wir haben außerdem die Möglichkeit genutzt, den Berufsfelderkundungstag in die 9. Klasse zu verschieben. Den Boys‘ und Girls‘ Day haben wir im Sinne unserer sozialen Lernziele in der 8. Klasse belassen.

FUJOUR: Worüber reden die Lehrer und Lehrerinnen konkret mit den Schüler:innen während der Beratungsgespräche?

Dunja Vorberg: Das ist in der Tat sehr unterschiedlich. Bei uns ist die Marschrichtung aber ganz klar. Wenn ein Schüler nicht über seine berufliche Zukunft sprechen möchte, dann muss er das auch nicht. Die Klassenlehrer können außerdem flexibel entscheiden, wie sie die Gespräche führen. Sie können zum Beispiel Gruppen- oder Einzelgespräche führen.

Wie schon erwähnt, haben wir einen Reflexionsbogen entwickelt, den die Schülerinnen und Schüler möglichst schon vorher ausfüllen sollen. In der Regel machen wir das nach dem Berufsfelderkundungstag, denn dann kann man darüber schon einmal ins Gespräch kommen.

In Zukunft wäre als ergänzendes Tool im Rahmen einer individuellen Beratung auch die FUJOUR-App interessant, die an unserer Schule ja schon während der Entwicklungsphase getestet wurde. Das passt gut zu den Schülern und Schülerinnen, die eh digital unterwegs sind, und ist schnell durchführbar. Die App schlägt nach einem kurzen interessenbasierten Test in einer Top 10 Liste mit geeigneten Berufen vor. Das wäre ebenfalls ein guter Anlass für ein Reflexionsgespräch.

FUJOUR: Noch eine letzte Frage: Was wünschen Sie sich in Ihrer Rolle als StuBo?

Dunja Vorberg: Was unsere Schulgemeinde betrifft, wüsste ich gar nicht, was ich mir noch wünschen sollte. Was die Vorgaben vom Ministerium angeht, da würde ich mir wünschen, dass man noch genauer hinhört, was unsere Meinung zu bestimmten Vorgaben ist. Ein Beispiel ist unsere Doppelrolle als notengebende Lehrer und StuBo. Das ist für die Jugendlichen eine andere Art der Beziehung als die zu den neutralen Beratern der Agentur für Arbeit. Das hätte bei den KaoA-Vorgaben schon kritischer hinterfragt werden sollen. Überhaupt würde ich mir bezogen auf die Schulform und die eigene Schule mehr Flexibilität wünschen. Denn jede Schule hat ja ihren eigenen Standort und ihr spezifisches Schulprogramm.

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