Oder: Was gute Bildungstechnologie leisten kann
Digitalisierung in der Bildung wird häufig noch immer mit der Frage verbunden, ob Schülerinnen und Schüler mit Tablets ausgestattet sind oder ob Unterrichtsmaterialien digital verfügbar sind. Doch EdTech kann wesentlich mehr sein.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Was lässt sich digitalisieren?
Sondern: Was kann digitale Technologie im Bildungsprozess besser, einfacher oder wirksamer machen?
Genau dieser Frage widmet sich das neue Buch „The Age of EdTech – Bildungstechnologie im Spannungsfeld zwischen Innovation und Qualität“, das 2026 bei Springer VS erschienen ist. Herausgegeben von Tim Brüggemann, Marie Tuchscherer-Schad und Claudia Wiepcke, versammelt der Band wissenschaftliche Perspektiven, Qualitätskriterien und Praxisbeispiele aus unterschiedlichen Bereichen der Bildungstechnologie.
EdTech-Index
Im Mittelpunkt steht dabei der EdTech-Index (ETX) mit seinen sechs Qualitätsdimensionen. Er bietet einen Rahmen, um digitale Bildungsangebote nicht allein nach ihren technischen Möglichkeiten zu betrachten, sondern danach, welchen pädagogischen und praktischen Anforderungen sie gerecht werden.
Dazu gehören die Zielgruppen- und Adressat, die Förderung digitaler und domänenspezifischer Kompetenzen, die Durchführbarkeit und technische Umsetzung, die Expertise der Bildungsanbieter und der Code of Conduct sowie die Berücksichtigung rechtlicher Rahmenbedingungen. Der EdTech-Index bildet damit den roten Faden, an dem sich die Beiträge des Buches orientieren.
Gerade diese Verbindung von Innovation und Qualität macht das Buch aus unserer Sicht so interessant. Denn eine digitale Bildungsanwendung ist nicht schon deshalb gut, weil sie technisch funktioniert. Entscheidend ist, ob sie ihre Zielgruppe erreicht, einen echten Bildungszweck erfüllt, fachlich fundiert ist und sich sinnvoll in die Praxis integrieren lässt.
Dass dabei auch die berufliche Orientierung eine Rolle spielt, ist kein Zufall. Gerade hier trifft eine komplexe Bildungsaufgabe auf eine enorme Menge an Informationen, Möglichkeiten und individuellen Voraussetzungen. Wir freuen uns deshalb besonders, dass wir einen Beitrag leisten konnten und die Methodik der FUJOUR-Plattform in diesem Buch mit einem eigenen Kapitel einen Platz gefunden hat.
Berufsorientierung ist mehr als die Frage „Was will ich werden?“
Jugendliche stehen heute vor einer außergewöhnlich großen Auswahl an Ausbildungsberufen, Studienmöglichkeiten und beruflichen Wegen. Gleichzeitig kennen viele Schülerinnen und Schüler nur einen kleinen Teil dieser Möglichkeiten. Eine gute Berufsorientierung muss deshalb mehr leisten, als Informationen bereitzustellen.
Sie muss Jugendliche dabei unterstützen,
- eigene Interessen und Stärken zu entdecken,
- unterschiedliche berufliche Möglichkeiten kennenzulernen,
- konkrete Berufe zu finden, die zu den eigenen Voraussetzungen passen,
- erste praktische Erfahrungen zu sammeln,
- diese Erfahrungen zu reflektieren
- und daraus Schritt für Schritt eine eigene berufliche Perspektive zu entwickeln.
Damit wird Berufsorientierung zu einem Prozess – und nicht zu einem einmaligen Test.
Von persönlichen Interessen zu konkreten Berufen
Ein zentraler Bestandteil der FUJOUR-Plattform ist die Ermittlung von konkreten Berufs- und Ausbildungsvorschlägen.
Die dahinterliegende Methodik wurde gemeinsam von Geert-Jan Gorter und Arne Bernstein in einem eigenen Kapitel des Springer-Sammelbandes beschrieben: „Methodik der Ermittlung von Berufs- und Ausbildungsvorschlägen anhand von FUJOUR“.
Der interessante Punkt dabei ist: das Ziel kann nicht nur sein, Jugendlichen einen abstrakten Berufstyp oder ein Berufsfeld zuzuordnen. Stattdessen geht es darum, ausgehend von den individuellen Voraussetzungen konkrete berufliche Möglichkeiten sichtbar zu machen. Dazu werden unterschiedliche Aspekte der Persönlichkeit und der beruflichen Interessen berücksichtigt. Die Methodik greift unter anderem auf etablierte Konzepte wie RIASEC (Berufliche Interessen) und BIG 5 (Berufspersönlichkeit) zurück, wurde jedoch um weiteren Kategorien erweitert.
Das Ergebnis soll dabei nicht sofort als endgültige Antwort auf die Frage „Welcher Beruf passt zu mir?“ verstanden werden. Vielmehr geht es um einen Ausgangspunkt für eine fortlaufende Entwicklung der Berufswahlkompetenz. Denn ein Algorithmus kann einen Beruf vorschlagen. Ob dieser Beruf tatsächlich interessant ist, erfahren Jugendliche erst dann, wenn sie sich mit ihm beschäftigen und möglichst auch praktische Erfahrungen sammeln und somit iterativ ihr Profil durch Reflexion schärfen.
Vom Matching zur Erfahrung
Hier liegt für uns eine der wichtigsten Chancen digitaler Berufsorientierung. Ein gutes Matching sollte nicht am Bildschirm enden.
Wenn ein Jugendlicher beispielsweise Interesse an einem bestimmten beruflichen Bereich zeigt, kann daraus der nächste Schritt entstehen: ein Praktikum, ein Tagespraktikum, ein Unternehmensbesuch, ein Event oder eine andere Möglichkeit, einen Beruf in der Praxis kennenzulernen.
Genau diese Verbindung beschreibt auch das FUJOUR-Kapitel: Jugendliche sollen durch Praxiserfahrungen ihre Interessen in konkreten Berufen vertiefen und reflektieren. Dadurch kann ihre Berufswahlkompetenz gestärkt werden.
Das verändert den Blick auf digitale Berufsorientierung. Es geht nicht darum, Jugendlichen möglichst schnell eine Antwort zu geben. Es geht darum, bessere Fragen und bessere nächste Schritte zu ermöglichen.
Technologie als Verbindung zwischen Schule und Wirtschaft
Eine weitere Besonderheit liegt darin, dass Berufsorientierung nicht ausschließlich ein schulischer Prozess ist. Schule kann Orientierung ermöglichen. Unternehmen können Einblicke in die Arbeitswelt geben. Jugendliche bringen ihre eigenen Interessen, Fragen und Erfahrungen mit. Eine digitale Plattform kann diese drei Perspektiven miteinander verbinden.
FUJOUR unterstützt dabei sowohl Lehrkräfte im Berufsorientierungsunterricht als auch Unternehmen dabei, passende Praktikantinnen, Praktikanten und potenzielle Auszubildende zu erreichen und im Falle eines guten Matchings nachhaltig zu verbinden. Damit wird aus einem digitalen Berufsorientierungsinstrument zunehmend eine Schnittstelle zwischen Jugendlichen, Schule und Arbeitswelt. Und genau darin sehen wir einen wichtigen Unterschied zwischen einer klassischen Berufswahltest und einer umfassenderen EdTech-Lösung.
Gute EdTech beginnt nicht mit Technologie
Das vielleicht Wichtigste, was wir aus The Age of EdTech mitnehmen, ist deshalb eine Haltung: Digitale Technologie ist kein Selbstzweck.
Eine gute Bildungsplattform muss sich daran messen lassen, welchen konkreten Mehrwert sie für Lernende, Lehrkräfte und weitere Beteiligte schafft. Die sechs Qualitätsdimensionen des EdTech-Index bieten dafür einen interessanten Bezugsrahmen. Sie lenken den Blick weg von der reinen Funktionalität einer Software hin zu Fragen wie: Ist sie auf ihre Zielgruppe ausgerichtet? Welche Kompetenzen werden gefördert? Ist sie fachlich fundiert und technisch praktikabel? Sind Anbieter und Rahmenbedingungen vertrauenswürdig und rechtlich angemessen?
Für FUJOUR ist das eine wichtige Perspektive. Denn auch bei der Entwicklung unserer Plattform steht nicht die Frage im Mittelpunkt, welche technische Funktion wir noch hinzufügen können. Entscheidend ist vielmehr:
Hilft diese Funktion einem jungen Menschen dabei, sich selbst besser kennenzulernen, eine interessante Möglichkeit zu entdecken, eine Erfahrung zu machen oder eine fundiertere berufliche Entscheidung zu treffen?
Wenn die Antwort darauf „Ja“ lautet, hat Technologie einen echten Bildungszweck.
Berufsorientierung als kontinuierlicher Prozess
Vielleicht ist das auch die spannendste Perspektive auf die Zukunft von EdTech. Die besten digitalen Bildungsangebote werden nicht diejenigen sein, die den Menschen Entscheidungen abnehmen. Sie werden diejenigen sein, die Menschen besser dazu befähigen, selbst Entscheidungen zu treffen.
Für die Berufsorientierung bedeutet das: Interessen entdecken → Möglichkeiten kennenlernen → passende Angebote finden → Erfahrungen sammeln → reflektieren → Profil weiterentwickeln → bessere Angebote finden → bessere Wahl treffen
Digitale Technologie kann diesen Prozess unterstützen, strukturieren und individuell begleiten. Und wenn sie dabei Schule und Wirtschaft besser miteinander verbindet, entsteht noch etwas Weiteres: eine Berufsorientierung, die nicht nur über die Arbeitswelt spricht, sondern jungen Menschen tatsächlich mehr Möglichkeiten gibt, sie kennenzulernen.
Ein Buch, das zur richtigen Zeit kommt
The Age of EdTech kommt deshalb zu einem spannenden Zeitpunkt. Die Diskussion über Digitalisierung im Bildungsbereich wird zunehmend erwachsener. Es geht nicht mehr nur darum, ob digitale Technologien eingesetzt werden, sondern darum, wie sie pädagogisch sinnvoll, qualitativ hochwertig und evidenzorientiert eingesetzt werden können.
Dass die Methodik von FUJOUR nun Teil dieses wissenschaftlichen Diskurses ist, freut uns besonders. Nicht, weil damit die Berufsorientierung „gelöst“ wäre. Sondern weil es zeigt, dass digitale Berufsorientierung zunehmend als das verstanden werden kann, was sie sein sollte: ein Zusammenspiel aus wissenschaftlich fundierten Methoden, guter Pädagogik, Technologie, praktischen Erfahrungen und echten Verbindungen zur Arbeitswelt.
Das ist aus unserer Sicht die eigentliche Chance von EdTech. Nicht mehr Digitalisierung um der Digitalisierung willen. Sondern Technologie, die Bildung besser macht!